Seit vielen Jahren
Unsere Geschichte
Wie aus einer Idee ein lebendiger Musikverein wurde.

Forte – Wer in einem Notenblatt das schön geschwungene f findet, weiß, dass jetzt die Muskeln anzustrengen sind, dass der Blasbalg gezogen und die Finger intensiver im Instrument versenkt werden müssen, dass ein Anschlagen der leisen Töne jetzt nicht angebracht ist, sondern das Publikum in einem effektvoll orchestrierten Wumms aus seinen Sesseln gehoben werden soll, auch diejenigen, die in den hinteren Reihen womöglich schon süßen Schlummer gefunden haben. Forte! Jetzt sind sie wach und schaudern in Ehrfurcht ob des plötzlichen Gewitters, das von der Bühne herabströmt, manche mit in den Lehnen ihrer Stühle verkrampften Fingern, manche unauffällig am Hörgerät justierend, aber die Aufmerksamkeit auf das Orchester gerichtet, das rotgesichtig schwitzt und zieht. Nie ist den Musizierenden so viel Beifall vorbestimmt wie nach einem Stück, das im Presto Furioso oder dem mit fff unterzeichneten Maestoso kulminiert, nie tobt die Menge mehr, als wenn sie vom Schweißtropfen der Dirigentin gesegnet wird – hier ergießt sich das Herzblut des Orchesters.
Nun, wundert es, dass die Mütter und Väter unseres Musikvereins ebenjene Dynamik-Notation aus der Taufe hoben, um sie ins Vereinsregister eintragen zu lassen?
Es war der 1. Oktober 1928, als ein junger Musiklehrer, Eduard Grassl, mit nur 25 Jahren – die „Schule mit Öffentlichkeitsrecht für Mandoline, Zither, Geige und Gitarre“ im 20. Bezirk im Winarskyhof gründete. Der Hof wurde erst kurz zuvor als Teil des Roten Wiens erbaut und war ein weitläufiger Ort des Wohnens und Austausches. Es gab Wasserleitungen und WCs, Gemeinschaftseinrichtungen wie Bäder, einen Kindergarten, eine Bibliothek und sogar ein Kino. In diese Gegend fügte sich auch ein neu gegründeter Musikverein ganz wunderbar. Zehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aber schon wieder auf dem direkten Weg in die nächste Krise, war der Zustrom am Anfang groß. Prof. Grassl hat damit damals einen Nerv der Zeit getroffen. Gemeinschaftswesen und Vereinsaktivitäten waren groß im Roten Wien und mitten im Arbeiter*innenbezirk Brigittenau lag man mit der Musik goldrichtig. Außerdem war Eduard Grassl ein richtiger Showman – heute würde er wohl als findiger Eventmanager bezeichnet werden. Er hatte die großen Bühnen im Kopf als er in das Kellerlokal im Winaskyhof gezogen ist. Was den ersten, erfolgreichen Monaten folgte, war aber bald die hereinbrechende Dunkelheit der Wirtschaftskrise und der Dreißiger Jahre. Für die Musik lief es anfangs noch gut – der Arbeiter-Mandolinen-Verein Forte spielt 1936 und 1937 im großen Saal des Konzerthauses in Wien – dies war auch eine der publikumswirksamen Ideen von Prof. Grassl gewesen. Dieser hatte nämlich damals den 1. Mandolinen-Orchesterbewerb um das „Goldene Band der Stadt Wien“ ins Leben gerufen. Im selben Jahr wurde auch, neben Mandoline und Zither, zum ersten Mal das Akkordeon unterrichtet.
Kurz nachdem der Musikverein Forte 1937 den großen Konzerthaussaal gefüllt hatte, wurde das Vereinslokal polizeilich durchsucht und die Vereinskassa beschlagnahmt. 1938 ging alles dann endgültig in Richtung Ende. Vor der Tür standen treue Nationalsozialisten und schickten die Schüler*innen wieder heim. Prof. Grassl musste das Vereinslokal räumen. Dafür bleiben ihm 48 Stunden Zeit. Ein Versuch, privat weiter zu unterrichten, scheiterte unter dem Verdacht, er unterrichte nicht Noten, sondern kommunistische Werte.
Was folgt, sind unbeschreibliche Jahre des Krieges, der Zerstörung und des Schreckens, die auch durch die Musik kaum erhellt werden konnten. Edi Grassl hat sich mit Kompositionen und Arrangements an die Musik geklammert und auch den Wunsch nicht aufgegeben, den Verein irgendwann wieder zu revitalisieren. Mit Kriegsende gelang dies dann auch und der Musikverein Forte kehrte zurück in den Winarskyhof im 20. Bezirk.
Zum 25. Jubiläum des Vereins konnte die Forte wieder an die Erfolge vor 1938 anknüpfen und spielte eines ihrer erfolgreichsten Konzerte im ausverkauften großen Saal des Wiener Konzerthauses vor über 2000 Leuten. Das war damals möglich, weil nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Blütezeit des Vereins heraufdämmerte. 250 Musiker*innen saßen damals auf der Bühne.
Man stelle sich vor: Fünf Orchester insgesamt, die mitunter 9 Konzerte im Jahr spielten, unterrichtet wurde in Gruppen, der Zulauf lernwilliger Kinder und Jugendlicher war enorm und das Vereinslokal platzte aus allen Nähten. Für Musiker*innen deren Familien sich kein Instrument leisten konnten standen Leihinstrumente gegen eine kleine Leihgebühr zur Verfügung.
Sogar Robert Stolz schrieb dem Vereinsgründer eine Widmung: „Meinem lieben Freund Edi Grassl mit den besten Wünschen.“ Prof. Edi Grassl war zu diesem Zeitpunkt nicht nur Dirigent im Musikverein Forte, er hatte auch die Orchesterleitung in anderen Musikvereinen, etwa dem Vindobona, inne. Das Volksstimmenfest und die Maiumzüge waren jedes Jahr Programmhighlights. Damals zogen die Musiker*innen zu Fuß, mit dem Akkordeon spielend, zum Parlament!
So groß die Erfolge der 50er, 60er und 70er auch waren, nach der Zeit von Wirtschaftswunder und wilden Siebzigern entwickelten sich mehr und mehr andere Interessen. Die Begeisterung, gemeinsam in einem klammen Kellerlokal zu sitzen und eifrig zu musizieren, zu proben und viele Wochenenden Konzerten zu widmen, schwand nach und nach. Weniger Schüler*innen bedeutete auch weniger Mitglieder, weniger Geld, weniger Rücklagen für den Verein. Mit Prof. Grassls Ruhestand und seinem Tod im Jahr 1989 hinterließ er die große Aufgabe, neue Dirigierende und Orchesterführende für den Verein zu finden.
Die regelmäßigen Abschluss-, Festwochen – und Weihnachtskonzerte blieben beliebte Fixpunkte im Programm, mit den großen Events aber war es vorbei. Der Unterricht wurde schmaler, das Lokal feuchter und schimmliger, ein Wasserrohrbruch flutete Noten, Instrumente und Möbel und führte weiter in die roten Zahlen. Ein Abschlusskonzert Anfang der 2000er, bei dem auf der Bühne mehr Menschen saßen als im Publikum, brachte die Mitglieder schließlich zur Krisensitzung im Keller zusammen. Wie sollte es weitergehen? Konnte es überhaupt weitergehen? Und wenn ja, wo? Die Miete konnte man sich nicht mehr leisten, es war eng und ganz Gallien war von den Römern besetzt! Ganz Gallien? Nein, ein Grüppchen von unbeugsamen Musiker*innen wollte nicht ans Ende der Forte glauben und beschloss die Reanimation.
Silvia Gassenbauer wurde damals Obfrau der Forte und ist es noch heute. Sie und die letzten Hoffnungsvollen fanden 2004 im Bezirksmuseum Brigittenau, Dank des damaligen Bezirksvorsteher Karl Lacina, eine neue Bleibe, investierten in frisches Notenmaterial und intensivere Probearbeiten, streckten die Fühler in alle Richtungen aus und hauchen der ermatteten Forte neues Leben ein. Die Jahre zogen ins Land und die Forte erlebte ihren 75. Geburtstag und durfte sich auch über den 80er freuen. Es gab nur noch ein Orchester und dieses richtete sich schon seit einiger Zeit nach dem Taktstock von Martin Hlavacek, der 2008 seine Musikerrolle aufgab um den Spielenden den Takt vorzugeben. Auch was die Auswahl der Musikstücke betrifft, war die Forte nun auf dem richtigen Weg, was den Zulauf an Gästen zu unseren Konzerten bestätigte.
2013 wurde die Forte 85 Jahre und feierte dieses besondere Jahr mit einem Jubiläumskonzert im Haus der Begegnung im 20. Bezirk, welches auch in Zukunft die Heimstätte für unsere Konzerte wurde, da der feine, aber kleine Festaal des Amtshauses XX aus allen Nähten platzte.
Die Forte ist wieder laut und sie bringt 2017 ein Kind auf die Welt: das Akkordeon-Orchester Wien, das unter Martin Hlavacek zum ersten Mal nach Arco/Gardasee zum Harmonikafestival fährt, um dort mitten im Sommergewitter mit dem italienischen Publikum zu feiern. Viele Gespräche mit lieben Musikerfreund*innen aus anderen Akkordeonvereinen und Musikschulen aus Wien und Niederösterreich folgten und so wurde das Festivalorchester AOW geboren.
2018 wird die Forte 90 Jahre alt. In der Brigittenau lässt man sie hochleben und wieder ist es da, das fff, das Schwitzen auf der Bühne, der Taktstock, der den Herzschlag angibt. Forte also. Inzwischen beherrscht sie aber auch die sanften Töne, das con dolcezza, leggiero und amabile. Denn was wäre ein Forte, das nie das Piano kennen gelernt hätte?
2020 zwingt Corona die Musikwelt, so auch den Musikverein Forte, in ein piano pianissimo. Es durfte nicht geprobt werden und etliche Konzerte mussten abgesagt werden. Treffen waren nur unter Einhaltung strengster Coronaregeln erlaubt. Niemand wusste, wie lange diese musikalische Abstinenz anhalten würde, und unsere Sorge, dass wir unser zahlreiches Publikum verlieren könnten, war groß. Nahezu zwei Jahre dauerte dieser Stillstand an, doch „Don’t stop us now“ – die Forte war wieder da und mit ihr unser Publikum.
Die lange Ära unseres Vereins ist geprägt von vielen Crescendi und Decrescendi. So auch das Jahr 2023, als sich unser Dirigent und langjähriges Vereinsmitglied von der Forte verabschiedete und mit ihm einige Topspieler*innen, die zum Wohlklang unseres Orchesters viele Jahre beigetragen hatten. Aber auch in dieser Situation richtete sich die alte Dame wieder auf, strich das Paillettenkleid glatt, schob das Krönchen gerade und machte sich auf die Suche nach neuen Mitspieler*innen und einer neuen Orchesterleitung. Drei Mal hat sich die musikalische Leitung bis 2026 nun schon geändert (Margit Haller, Max Höller, Fritzi Steiner) und jede dieser fantastischen Musiker*innen hat der Forte neue Perspektiven eröffnet und frischen Wind mit sich gebracht. Für die Musizierenden hieß das zwar, sich immer wieder an neue Situationen des Probens und Übens zu gewöhnen, aber auch, daran zu wachsen.
Der 95. Geburtstag der Forte wurde im Dezember 2023 fortefortissimo im Haus der Begegnung im 20. Bezirk ohne pandemiebedingte Restriktionen und mit vielen lieben Gästen und Wegbegleiter*innen gefeiert.
Seit 2024 wagten wir uns dann in ein neues Feld – und das im wahrsten Sinne des Wortes: Unsere Gartenkonzertreihe im Sommerhalbjahr startete im Juni 2024 – direkt im schönen Hof und Garten des Bezirksmuseums XX. Wieder sammelten wir neue Erfahrungen, denn ein Freiluftkonzert, bei dem neben Wetterkapriolen auch diverse andere Eventualitäten mit eingerechnet werden müssen, verlangt allen Mitwirkenden eine hohe Krisenfestigkeit und Flexibilität ab. Und trotz so mancher schlaflosen Nacht vor einem Outdoorkonzert ist der Entschluss, es im kommenden Jahr wieder zu wagen, presto gefallen.
Unsere Aufgabe ist es jetzt, unsere alte, liebgewonnene Forte zu pflegen und zu umsorgen, damit auch noch der 100. Geburtstag fulminant, vor allem aber in fff gefeiert werden kann.
Der Musikverein Forte ist der älteste Akkordeon-Musikverein des 20. Bezirks und einer der ältesten Amateurmusiker*innenvereine in Wien. Geprobt wird mittwochs um 19:00 Uhr im Bezirksmuseum Brigittenau. Fixe Konzerte finden zweimal jährlich im Haus der Begegnung XX oder im Bezirksmuseum XX statt. Nähere Informationen unter: www.musikverein-forte.at und unter musikverein.forte@chello.at